Führungsspitze hoch motiviert trotz extremer Belastung - Keine Abstriche in der Qualität

VON RAINER BEUTEL

Mit roten Autos rumfahren und auf dem Stützpunkt die Kameradschaft pflegen? Für Feuerwehrleute ist diese Darstellung ihrer Tätigkeit absurd. Die ehrenamtliche Arbeit wird komplexer, schwieriger und zeitraubender, vor allem für die Führungsspitze. Und die ist trotz vieler Dienstjahre hochmotiviert.

Einen großen Verwaltungsaufwand erledigen Gemeindebrandinspektor Christian Hartmann und sein Stellvertreter Daniel Becker (links) fast alltäglich. Dennoch arbeiten die Ehrenamtler hoch motiviert.
Einen großen Verwaltungsaufwand erledigen Gemeindebrandinspektor Christian Hartmann und sein Stellvertreter Daniel Becker (links) fast alltäglich. Dennoch arbeiten die Ehrenamtler hoch motiviert.

Es gibt Momente, da sind Gemeindebrandinspektor Christian Hartmann und sein Stellvertreter Daniel Becker mit weniger Freude bei der Sache. Zum Beispiel wenn sie wieder mal nach dem x-ten Einsatz in einem Monat das elektronische Diensttagebuch füllen müssen. Extrem viele Arbeitsstunden gehen dafür drauf, weil genau registriert werden muss, wann, wo, warum ein Einsatz war und was die Wehr dabei geleistet hat.

In einer Kommune wie Nauheim wird stillschweigend erwartet, dass solche Arbeiten erledigt werden – ehrenamtlich versteht sich ... . Also "kostenlos" für die Gemeinde. Wird dann nach mehr als 20 Jahren darauf hingewiesen, dass ein Löschwagen alt und für Reparaturen anfällig geworden ist, das heißt ein neues Fahrzeug her muss, rümpfen Gemeindevertreter oftmals die Nase. Dann werden Mittel gekürzt und Forderungen zwangsweise reduziert.

Alles richtig machen

Wir wollen es richtig machen, ohne Abstriche“, umschreibt Hartmann den Konflikt zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Was ist die Lösung? Um eigene und kommunale Vorstellungen zu erfüllen, leisteten die Kameraden immer mehr und immer länger ihren ehrenamtliche Dienst. Fast 90 Einsätze waren es bislang 2017. „Es werden wohl wieder 100 oder 120 im gesamten Jahr“, schätzt Becker. So viel, dass es die Wehr kaum schafft, über jede Rettungstat öffentlich Rechenschaft abzulegen.

Dass es auch innerhalb ihrer Mannschaft zu Diskussionen kommt, streiten die beiden „Chefs“ nicht ab. Was ist wenn an einem Übungsabend Fußball im Fernsehen übertragen wird? Was passiert, wenn ein Einsatz wieder einmal mit Beruf, Hobby oder Familie kollidiert? Für Hartmann und Becker ist klar: Die Feuerwehr habe Vorrang, bisweilen gehe es um Menschenleben. Da könne es keine Abstriche geben. Aber wenn junge Einsatzkräfte murren, weil sie zum fünften Mal in einer Woche wegen eines Fehlalarms oder einer Ölspur antreten mussten, können die beiden das verstehen.

Hartmann ist 39 Jahre alt. Er kommt inzwischen auf 29 Dienstjahre, die Zeit bei der Jugendwehr eingerechnet. Becker ist fünf Jahre jünger, geht bei der Feuerwehr aber schon seit seinem zehnten Lebensjahr ein und aus. „Es gibt Ups und Downs“, sagt Hartmann, „aber es macht nach wie vor Spaß, sonst würden wir es ja aufgeben.“

Geld gebe es dafür nicht und Anerkennung nur gelegentlich. Immerhin sei der Respekt von Seiten der Bürger gestiegen. Auch von der Verwaltung würden sie gut unterstützt. Beschimpft würden sie im Ort eigentlich nie. Es gebe aber Fälle, die nachdenklich stimmten. Etwa wenn sie bei einem Verkehrsunfall Verletzten geholfen hätten und dann nicht mal ein Dankeschön hörten.

Betrieb mit zig "Angestellten", aber ohne Bezahlung

Ihre Führungsarbeit werde von Jahr zu Jahr aufwendiger. Hartmann spricht von einem „mittelständischen Unternehmen“, das sie leiteten. Es drehe sich um Geld und viel Verantwortung. Selbst für die Einsatzkräfte sei es nicht sichtbar, welche Arbeit dahinter stecke. Das eine oder andere müsse auf der Strecke bleiben, und es sei abzusehen, dass irgendwann ein Feuerwehrmann fragt: Warum dauert das so lang, woran hängt es?

Zu gern würden Hartmann und Becker beispielsweise noch vor der Jugendwehr eine Art „Kinderfeuerwehr“ aufbauen, um jüngere Mädchen und Jungen spielerisch heranzuführen. Aber wann? Und mit welchen Kräften? Wer einen „Wirtschaftsapparat zugunsten der Gemeinde“ (Hartmann) führe, habe dafür keine Kapazitäten. Zumal auch noch Dienstzeiten auf regionaler Ebene zu leisten seien, beispielsweise bei Besprechungen und Koordinationstreffen auf Kreisebene.

Dass es einen hauptamtlichen Gerätewart bei der Nauheimer Wehr gibt, sei gut, aber eine halbe Stelle dafür sei viel zu wenig, sind sich die beiden einig. „Im Prinzip ist das ein Fulltimejob“, bekräftigt Becker. Würde die Feuerwehr alle Ziele und Ansprüche durchsetzen wollen, hätte das Konsequenzen für ganz Nauheim. „Dann würde die Grundsteuer wahrscheinlich auf über 1000 Punkte steigen“, prognostiziert Hartmann.

Qualität und Verantwortung

Allerhand zu verwalten: GBI Christian Hartmann und Stellvertreter Daniel Becker (v.r.)

Keine Kompromisse gebe es in Sachen Qualität. Die Einsatzkleidung müsse top sein, das Material müsse neuesten Erfordernissen entsprechen, und die Betreuung der Kameraden dürfe nicht vernachlässigt werden. Becker sagt, „unsere Verantwortung hört nicht nach dem Einsatz auf“.

Er erwähnt, dass junge Einsatzkräfte möglicherweise mit einem Suizid auf den Bahngleisen konfrontiert würden. Durch die „Seelsorge in Notfällen“ werde die Wehr in solchen oder ähnlichen Fällen gut unterstützt, aber selbst dann bleibe viel an der Führungsspitze hängen. „Wir wollen es richtig, richtig machen, ohne Abstriche“, wiederholt sich Feuerwehrchef Hartmann ganz bewusst.

Statistik

Mit den Zahlen über Einsätze und Dienststunden im vorigen Jahr kann die Feuerwehrführung ihren Aufwand dokumentieren. Für die Ausbildung sind demnach 1264 Stunden angefallen, bei Einsätzen ging für die Kameraden eine Zeit von 3596 Stunden drauf. Um Geräte und Material zu warten, waren weitere 612 Stunden nötig.

Für das elektronische Diensttagebuch waren 7475 Stunden nötig; darin enthalten ist neben vielen anderen Tätigkeiten auch die Zeit mehrerer ehrenamtlicher Gerätewarte, Einsatzplanung, Besprechungen mit Kreis und Gemeinde und etliches mehr. Mit Brandschutzerziehung und -aufklärung sowie den Sicherheitsdiensten bei Veranstaltungen summierten sich 13205 Stunden in einem Jahr.

Für GBI Christian Hartmann und Stellvertreter Daniel Becker summierten sich 2016 pro Woche je zehn Dienststunden - und zwar reine Verwaltungsarbeit!

© Text & Fotos: Rainer Beutel

Zurück